Sonntag, 1. Januar 2023

Ein herzliches Willkommen!

Am 11. November 2022 verstarb der bekannte deutsche Journalist und Sachbuchautor Wolf Schneider im gesegneten Alter von 97 Jahren. Wolf Schneider erreichte nicht nur durch seine leitende Tätigkeit in mehreren deutschen Sendeanstalten und Redaktionen eine erhebliche Prominenz, nicht nur durch seine Leitung der Hamburger Journalistenschule (1979-1987) und nicht nur durch seine Co-Moderation der NDR Talk Show (1979-1987 und 1991-1992), die ja bis heute im Programm ist und sich weiterhin großer Beliebtheit erfreut. Wolf Schneider war vor allem bekannt und berühmt als der deutsche „Sprachpapst“, als der er sich jahrzehntelang um die Analyse des Deutschen und die Kommentierung des Sprachgebrauchs verdient gemacht hat. Von seinen nahezu dreißig Sachbüchern seien hier nur Wörter machen Leute (1976), Deutsch für Profis (1982), Deutsch für Kenner (1996) und Gewönne der Konjunktiv. Sprachwitz in 66 Lektionen (2009) erwähnt. Seine Bücher hinterließen einen bleibenden Eindruck: Wer sie gelesen hatte, verwendete das Deutsche zweifellos anders als es vor der Lektüre der Fall gewesen war. Seine Bücher erhöhten das Sprachbewusstsein seiner Leser erheblich.

Mit Wolf Schneiders Tod ist diese wichtige Stimme, dieser gleichsam unersetzliche Advokat des Deutschen, traurigerweise nicht mehr unter uns. Ich bin der festen Überzeugung, dass es in seinem Sinne ist, dass diese Arbeit fortgesetzt wird – zum Wohle der deutschen Sprache, ihrer Funktionalität, ihrer Logik und nicht zuletzt ihrer Schönheit. Eine solche Fortsetzung soll auf dieser Webseite entstehen.

An dieser Stelle werden von nun an in loser Folge Überlegungen und Analysen veröffentlicht, die für alle diejenigen von Bedeutung sein können, die die deutsche Sprache tagtäglich verwenden, sie lernen oder sich in ihrer Verwendung verbessern möchten, wie auch für diejenigen, die sich für die deutsche Sprache und für Sprache allgemein interessieren. Dies kann der Hochschulprofessor, der sich verständlich ausdrücken möchte, ebenso sein wie die Lehrerin an der Schule, ihren Schülern einen angemessenen Sprachgebrauch beibringen möchte, der Handwerker, der sich sprachlich auf seine Kunden einstellen können möchte und diese individuell  individuell anspricht, und die Polizistin, die in ihrer Kommunikation deeskalierend auftreten möchte. Für sie alle gilt, dass ein Mehr an sprachlicher Bewusstheit nie schaden, sondern ausschließlich von Vorteil sein kann. Zu einem solchen gesteigerten Sprachbewusstsein soll hier beigetragen werden.

Ich selbst komme aus der Sprachwissenschaft, sehe mich in diesem Falle jedoch eher einer journalistischen bzw. populärwissenschaftlichen Tradition verpflichtet. Aus diesem Grunde werde ich die Leser und Leserinnen nicht mit Quellenangaben erdrücken, sondern diese – wenn sie denn notwendig sind – gleichsam im Vorbeigehen einstreuen. Wichtig ist dabei die Botschaft – der Inhalt –, nicht so sehr die Form. Wichtig ist, dass die Botschaft vermittelt wird. Daher steht eine verständliche Sprache im Vordergrund. In diesem Sinne möchte ich nicht meine gesamte Identität lüften: Auch hier ist der Inhalt wichtiger als die Person.

Schließlich wünsche ich all denjenigen, die auf diese Webseite stoßen und hier vielleicht ein wenig länger verweilen, viel Freude bei der Lektüre und das eine oder andere Aha-Erlebnis: Es ist nicht auszuschließen, dass sie im Freundes- und Bekanntenkreis Anerkennung für ihren verbesserten Sprachgebrauch erhalten. 


Wie eröffnen wir ein Gespräch?

Sven: Hallo Lisa.

Lisa: Hallo Sven.

Sven: Wie geht’s?

Lisa: Ganz. Gut. Aber ich habe mich über Professor Huber geärgert. Da kam ich zu seiner Vorlesung doch fünf Minuten zu spät, und da macht er mich vor allen fertig. Ich konnte gar nichts mehr sagen, und konnte mich nicht rechtfertigen. So eine Frechheit. Wegen fünf Minuten! Dann habe ich auch noch Probleme mit meiner Seminararbeit. Ich kann keine gute Literatur dazu finden. Kannst Du mir da helfen? Ach übrigens. Die Party gestern war ganz nett. Aber heute morgen hatte ich einen ganz schön schweren Kopf. (...)


In diesem Dialog macht Sven einen entscheidenden Fehler: Er fragt seine Kommilitonin Lisa, wie es ihr geht. Lisa versteht diese Frage im wörtlichen Sinne und erzählt Sven ihre gegenwärtigen Sorgen: Ihr Professor hat sie geärgert, sie hat Probleme mit ihrer Seminararbeit, aber die gestrige Party war nett. Das Problem ist aber: Danach hat Sven im Grunde gar nicht gefragt. Mit seiner Frage Wie geht’s? wollte er eigentlich gar nicht wissen, wie es Lisa geht. Er wollte lediglich den Moment der Begegnung mit ihr abfedern und sie begrüßen: Er wollte ein wenig Zeit gewinnen zwischen dem Moment, in dem er Lisa begegnet, und dem Beginn des eigentlichen Gesprächs. Lisa versteht diese Frage inhaltlich – als Aufforderung, ihm das Neueste zu erzählen – und beantwortet sie im Detail. Es ergibt sich somit ein klassisches Missverständnis.


Ein Gespräch eröffnen wir gern mit der Frage Wie geht’s? Aber warum tun wir das? Zum einen wollen wir mit dieser Frage Interesse an unserem Gegenüber bekunden. Zudem hoffen wir, dass unser Gegenüber uns ebenfalls nach unserem Befinden fragt. Eine solche persönliche Einleitung einer Begegnung erscheint menschlich und ist freundlich gemeint.


Welche ist dabei die Rolle des Gegenübers: Er oder sie sollte diese Frage als das verstehen, was sie ist: Als Gesprächseröffnung - nicht jedoch als eigentliche Frage nach dem Befinden. Seine Antwort sollte daher eine kurze sein, und danach sollte er die gleiche Frage an seinen Gesprächspartner zurückgeben, der sie dann ebenfalls kurz beantwortet, wonach das Gespräch inhaltlich weitergeht. Dies könnte dann so aussehen:


Sven:     Hallo Lisa.

Lisa:       Hallo Sven.

Sven:     Wie geht’s?

Lisa:      Ganz gut, danke, und dir?

Sven:     Auch ganz gut. Sag mal, hast Du morgen Abend Zeit? Ich wollte dich mal fragen, ob du mir helfen kannst.


So sollte eine Gesprächseröffnung gestaltet sein. Nur unter dieser Bedingung ist sie adäquat, nur unter dieser Bedingung funktioniert die Kommunikation.


Solche Elemente wie die Frage Wie geht’s? nennen wir in der Sprachwissenschaft Gesprächseröffnungssignale. Diese dienen einzig und allein dazu, eine mündliche Kommunikation einzuleiten - zu mehr nicht. Andere Gesprächseröffnungssignale können sein:


  • Hallo! / Hallo. Du hier?

  • Guten Tag!

  • Und sonst?

  • Na? / Na du?

  • (...)


Allen ist gemeinsam, dass sie nur dazu dienen, dass wir nicht “wortlos aufeinandertreffen”, dass wir uns also in kultivierter Manier begegnen, in der unsere Begegnung mit Hilfe von Worten abgefedert wird. 


Eine ritualisierte Form der Gesprächseröffnung existiert beispielsweise im Saarland. Dort fragt man sich zur Gesprächseröffnung Un? Der Angesprochene sollte darauf in wohldefinierter Weise antworten, woraus sich dann der folgende Dialog ergibt:


Herr Müller: Un?

Herr Meier: Es muss.

Herr Müller: Das ist die Hauptsache.

An diesem Dialog wird Folgendes deutlich:

  • Der Dialog ist im Grunde nicht in sich geschlossen, da Das ist die Hauptsache keine Antwort auf Es muss sein kann, sondern lediglich eine Antwort auf die Äußerung Es geht.

  • Der Dialog ist stark ritualisiert: Er muss in etwa dem entsprechen, was das Gegenüber erwartet. Hier ist keine sprachliche Kreativität gefragt.

  • Daran, dass der Dialog so stark ritualisiert ist, ist zu erkennen, dass es gar nicht um das Befinden des Gegenübers geht.

  • Auf diese Weise bestätigt der Dialog exakt das, was wir zuvor gesagt haben. 

Seien wir also behutsam, wenn wir das nächste Mal jemanden treffen und ein Gespräch eröffnen.

Warum sprechen wir über das Wetter?

 


Herr Schmidt:     Guten Tag Frau Meier.

Frau Meier:          Guten Tag Herr Schmidt.

Herr Schmidt:      Was für eine Hitze schon wieder.  Wie soll man das bloß aushalten!

Frau Meier:          Ja, 38 Grad ist selbst im Juli in Deutschland ein wenig happig.

Herr Schmidt:     Und dabei soll man dann auch noch arbeiten.

Frau Meier:         Das stimmt. Aber wenn es kalt wäre und regnen würden, würden wir uns auch beschweren.

Herr Schmidt:      Das stimmt. Wollen wir hoffen, dass es bald erträglicher wird.

Frau Meier:          Das hoffe ich auch.

Frau Meier und Herr Schmidt sprechen über das Wetter. Die Frage stellt sich jedoch, warum tun sie dies tun - zumal, wenn man bedenkt, dass es in diesem Gespräch überhaupt keinen Informationsgewinn gibt: Es ist den Gesprächspartnern aus der Situation heraus klar, dass

- es sehr heiß ist,
- eine Temperatur von 38 Grad für Deutschland extrem ist,
- gerade Juli ist,
- dass beide arbeiten (müssen),
- dass Hitze und Sonnenschein im Allgemeinen angenehmer sind als Regen und Kälte.

Das gesamte Gespräch könnte also durchaus ungesagt bleiben, ohne dass ein einziger Informationsbestandteil dadurch verloren ginge. Dennoch ist das Wetter eines der am weitesten verbreiteten Themen, die angeschlagen werden, wenn zwei Menschen, die sich nicht allzu nahe stehen, sich unverhofft treffen.

Die Frage, die sich hieraus ergibt, ist diejenige, aus welchem Grunde in Situationen wie dieser gern über das Wetter gesprochen wird. Die folgenden Gründe lassen sich hierfür u.a. anführen. Ein Gespräch über das Wetter

  • - setzt keine besondere Bildung voraus. Es ist nicht notwendig, über ein wie auch immer geartetes Vorwissen zu verfügen, um dieses Thema erfolgreich bewältigen zu können. Gegebenenfalls vorhandenes Vorwissen - z.B. über die Erstellung und die  Zuverlässigkeit von Wettervorhersagen - schadet seinerseits ebenso wenig.
  • - ist unverfänglich; dieses ist kein unseriöses Thema, keiner der Gesprächspartner läuft Gefahr, das Gesicht zu verlieren.
  • - ist immer wieder neu. Das Wetter ändert sich jeden Tag und bietet daher immer wieder einen (anderen) Anlass zum Gedankenaustausch.
  • - ist in aller Regel nicht kontrovers. Da die jeweiligen Gesprächspartner demselben Wetter unterliegen und dies entweder genießen oder darunter leiden, ist die Chance hoch, dass sie in ähnlicher Weise darauf reagieren und sich entsprechend harmonisch äußern.
  • - unwichtig genug, um Konflikte zu umgehen. Sollte die Wahrnehmung des Wetters - im Unterschied zum vorigen Gesichtspunkt - variieren, ist dieses Thema nicht bedeutend genug, um auf seiner eigenen Meinung zu beharren. Man vergibt sich also nichts, wenn man dem anderen aus Höflichkeit Recht gibt, in Wahrheit aber ganz anders darüber denkt. Dies wäre bei wirklich wichtigen Themen - wie beispielsweise solchen mit politischer Ausrichtung - ganz anders; Bei solchen Themen sind Konflikte vorprogrammiert.
  • - ist hinreichend unpersönlich. Die Gesprächspartner brauchen sich nicht gut zu kennen, um in dieser Kommunikationssituation bestehen zu können.
  • - ist persönlich genug, um nicht Desinteresse am Gesprächspartner deutlich werden zu lassen. Dies gilt besonders dann, wenn man Anteil nehmen kann an den gesundheitlichen Auswirkungen des Wetters auf eben diesen, wie z.B. Kopfschmerzen durch zu große Hitze oder auch einen Schnupfen als Folge des einsetzenden Winters.

Diese Zusammenhänge lassen deutlich werden, was für ein kommunikativ wertvolles Thema das Wetter darstellt. Es in Situationen wie der beschriebenen nicht zu nutzen, würde somit auf eine vertane Chance hindeuten. Denn auch hier gilt: Sprechen ist besser als Schweigen; Sprechen ist in diesem Falle der Ausdruck von Frieden und Harmonie.

Ein herzliches Willkommen!

Am 11. November 2022 verstarb der bekannte deutsche Journalist und Sachbuchautor Wolf Schneider im gesegneten Alter von 97 Jahren. Wolf Schn...