Sven: Hallo Lisa.
Lisa: Hallo Sven.
Sven: Wie geht’s?
Lisa: Ganz. Gut. Aber ich habe mich über Professor Huber geärgert. Da kam ich zu seiner Vorlesung doch fünf Minuten zu spät, und da macht er mich vor allen fertig. Ich konnte gar nichts mehr sagen, und konnte mich nicht rechtfertigen. So eine Frechheit. Wegen fünf Minuten! Dann habe ich auch noch Probleme mit meiner Seminararbeit. Ich kann keine gute Literatur dazu finden. Kannst Du mir da helfen? Ach übrigens. Die Party gestern war ganz nett. Aber heute morgen hatte ich einen ganz schön schweren Kopf. (...)
In diesem Dialog macht Sven einen entscheidenden Fehler: Er fragt seine Kommilitonin Lisa, wie es ihr geht. Lisa versteht diese Frage im wörtlichen Sinne und erzählt Sven ihre gegenwärtigen Sorgen: Ihr Professor hat sie geärgert, sie hat Probleme mit ihrer Seminararbeit, aber die gestrige Party war nett. Das Problem ist aber: Danach hat Sven im Grunde gar nicht gefragt. Mit seiner Frage Wie geht’s? wollte er eigentlich gar nicht wissen, wie es Lisa geht. Er wollte lediglich den Moment der Begegnung mit ihr abfedern und sie begrüßen: Er wollte ein wenig Zeit gewinnen zwischen dem Moment, in dem er Lisa begegnet, und dem Beginn des eigentlichen Gesprächs. Lisa versteht diese Frage inhaltlich – als Aufforderung, ihm das Neueste zu erzählen – und beantwortet sie im Detail. Es ergibt sich somit ein klassisches Missverständnis.
Ein Gespräch eröffnen wir gern mit der Frage Wie geht’s? Aber warum tun wir das? Zum einen wollen wir mit dieser Frage Interesse an unserem Gegenüber bekunden. Zudem hoffen wir, dass unser Gegenüber uns ebenfalls nach unserem Befinden fragt. Eine solche persönliche Einleitung einer Begegnung erscheint menschlich und ist freundlich gemeint.
Welche ist dabei die Rolle des Gegenübers: Er oder sie sollte diese Frage als das verstehen, was sie ist: Als Gesprächseröffnung - nicht jedoch als eigentliche Frage nach dem Befinden. Seine Antwort sollte daher eine kurze sein, und danach sollte er die gleiche Frage an seinen Gesprächspartner zurückgeben, der sie dann ebenfalls kurz beantwortet, wonach das Gespräch inhaltlich weitergeht. Dies könnte dann so aussehen:
Sven: Hallo Lisa.
Lisa: Hallo Sven.
Sven: Wie geht’s?
Lisa: Ganz gut, danke, und dir?
Sven: Auch ganz gut. Sag mal, hast Du morgen Abend Zeit? Ich wollte dich mal fragen, ob du mir helfen kannst.
So sollte eine Gesprächseröffnung gestaltet sein. Nur unter dieser Bedingung ist sie adäquat, nur unter dieser Bedingung funktioniert die Kommunikation.
Solche Elemente wie die Frage Wie geht’s? nennen wir in der Sprachwissenschaft Gesprächseröffnungssignale. Diese dienen einzig und allein dazu, eine mündliche Kommunikation einzuleiten - zu mehr nicht. Andere Gesprächseröffnungssignale können sein:
Hallo! / Hallo. Du hier?
Guten Tag!
Und sonst?
Na? / Na du?
(...)
Allen ist gemeinsam, dass sie nur dazu dienen, dass wir nicht “wortlos aufeinandertreffen”, dass wir uns also in kultivierter Manier begegnen, in der unsere Begegnung mit Hilfe von Worten abgefedert wird.
Eine ritualisierte Form der Gesprächseröffnung existiert beispielsweise im Saarland. Dort fragt man sich zur Gesprächseröffnung Un? Der Angesprochene sollte darauf in wohldefinierter Weise antworten, woraus sich dann der folgende Dialog ergibt:
Herr Müller: Un?
Herr Meier: Es muss.
Herr Müller: Das ist die Hauptsache.
An diesem Dialog wird Folgendes deutlich:
Der Dialog ist im Grunde nicht in sich geschlossen, da Das ist die Hauptsache keine Antwort auf Es muss sein kann, sondern lediglich eine Antwort auf die Äußerung Es geht.
Der Dialog ist stark ritualisiert: Er muss in etwa dem entsprechen, was das Gegenüber erwartet. Hier ist keine sprachliche Kreativität gefragt.
Daran, dass der Dialog so stark ritualisiert ist, ist zu erkennen, dass es gar nicht um das Befinden des Gegenübers geht.
Auf diese Weise bestätigt der Dialog exakt das, was wir zuvor gesagt haben.
Seien wir also behutsam, wenn wir das nächste Mal jemanden treffen und ein Gespräch eröffnen.
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