Sonntag, 1. Januar 2023

Warum sprechen wir über das Wetter?

 


Herr Schmidt:     Guten Tag Frau Meier.

Frau Meier:          Guten Tag Herr Schmidt.

Herr Schmidt:      Was für eine Hitze schon wieder.  Wie soll man das bloß aushalten!

Frau Meier:          Ja, 38 Grad ist selbst im Juli in Deutschland ein wenig happig.

Herr Schmidt:     Und dabei soll man dann auch noch arbeiten.

Frau Meier:         Das stimmt. Aber wenn es kalt wäre und regnen würden, würden wir uns auch beschweren.

Herr Schmidt:      Das stimmt. Wollen wir hoffen, dass es bald erträglicher wird.

Frau Meier:          Das hoffe ich auch.

Frau Meier und Herr Schmidt sprechen über das Wetter. Die Frage stellt sich jedoch, warum tun sie dies tun - zumal, wenn man bedenkt, dass es in diesem Gespräch überhaupt keinen Informationsgewinn gibt: Es ist den Gesprächspartnern aus der Situation heraus klar, dass

- es sehr heiß ist,
- eine Temperatur von 38 Grad für Deutschland extrem ist,
- gerade Juli ist,
- dass beide arbeiten (müssen),
- dass Hitze und Sonnenschein im Allgemeinen angenehmer sind als Regen und Kälte.

Das gesamte Gespräch könnte also durchaus ungesagt bleiben, ohne dass ein einziger Informationsbestandteil dadurch verloren ginge. Dennoch ist das Wetter eines der am weitesten verbreiteten Themen, die angeschlagen werden, wenn zwei Menschen, die sich nicht allzu nahe stehen, sich unverhofft treffen.

Die Frage, die sich hieraus ergibt, ist diejenige, aus welchem Grunde in Situationen wie dieser gern über das Wetter gesprochen wird. Die folgenden Gründe lassen sich hierfür u.a. anführen. Ein Gespräch über das Wetter

  • - setzt keine besondere Bildung voraus. Es ist nicht notwendig, über ein wie auch immer geartetes Vorwissen zu verfügen, um dieses Thema erfolgreich bewältigen zu können. Gegebenenfalls vorhandenes Vorwissen - z.B. über die Erstellung und die  Zuverlässigkeit von Wettervorhersagen - schadet seinerseits ebenso wenig.
  • - ist unverfänglich; dieses ist kein unseriöses Thema, keiner der Gesprächspartner läuft Gefahr, das Gesicht zu verlieren.
  • - ist immer wieder neu. Das Wetter ändert sich jeden Tag und bietet daher immer wieder einen (anderen) Anlass zum Gedankenaustausch.
  • - ist in aller Regel nicht kontrovers. Da die jeweiligen Gesprächspartner demselben Wetter unterliegen und dies entweder genießen oder darunter leiden, ist die Chance hoch, dass sie in ähnlicher Weise darauf reagieren und sich entsprechend harmonisch äußern.
  • - unwichtig genug, um Konflikte zu umgehen. Sollte die Wahrnehmung des Wetters - im Unterschied zum vorigen Gesichtspunkt - variieren, ist dieses Thema nicht bedeutend genug, um auf seiner eigenen Meinung zu beharren. Man vergibt sich also nichts, wenn man dem anderen aus Höflichkeit Recht gibt, in Wahrheit aber ganz anders darüber denkt. Dies wäre bei wirklich wichtigen Themen - wie beispielsweise solchen mit politischer Ausrichtung - ganz anders; Bei solchen Themen sind Konflikte vorprogrammiert.
  • - ist hinreichend unpersönlich. Die Gesprächspartner brauchen sich nicht gut zu kennen, um in dieser Kommunikationssituation bestehen zu können.
  • - ist persönlich genug, um nicht Desinteresse am Gesprächspartner deutlich werden zu lassen. Dies gilt besonders dann, wenn man Anteil nehmen kann an den gesundheitlichen Auswirkungen des Wetters auf eben diesen, wie z.B. Kopfschmerzen durch zu große Hitze oder auch einen Schnupfen als Folge des einsetzenden Winters.

Diese Zusammenhänge lassen deutlich werden, was für ein kommunikativ wertvolles Thema das Wetter darstellt. Es in Situationen wie der beschriebenen nicht zu nutzen, würde somit auf eine vertane Chance hindeuten. Denn auch hier gilt: Sprechen ist besser als Schweigen; Sprechen ist in diesem Falle der Ausdruck von Frieden und Harmonie.

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